Die Wiedertäufer

Geschichtlicher Überblick

Im Jahr 1525 gründete sich in der Schweiz eine religiöse Gemeinde mit den Namen "Gemeinde Christi". Sie lehnte die üblichen Kirchengebräuche ab und erstrebte eine Gemeinde nach dem Vorbild der Apostelgemeinde zu Jerusalem. In Erwartung der Wiederkehr Christi lebten sie in Gütergemeinschaft und aus dieser Grundhaltung heraus lehnten sie Kindertaufe ab, sowie die Ablegung eines Eides (damalige Grundlage der bürgerlichen und staatlichen Ordnung). Durch Prädikanten (Laienprediger) wurde in geheimen Versammlungen die Lehre gepredigt und die Gläubiger empfingen als Erwachsene die 2. Taufe als Zeichen des Bundes, den die Seele mit Gott geschlossen hatte. Durch die Trennung von der tradionellen Kirche fiel die "Gemeine Christi" unter das kirchliche Gebot gegen Ketzerei sowie unter dem Tatbestand der Aufruhr in der weltlichen Obrigkeit. Der Reichstag zu Speyer erließ 1529 ein Mandat gegen die Ausübung der Wiedertaufe und übertrug die Verfolgung der weltlichen Obrigkeit.
Der schwäbische Kürschner Melchior Hoffmann gründete 1530 zahlreiche Täufergemeinden in den Niederlanden und in Friesland. Hoffmann verstand die Sündhaftigkeit der gegenwärtigen Welt als Ankündigung der letzten Tage, die bis zum Jahre 1533 dauern sollte. Dann würden die Auserwählen Gottes in Straßburg, dem Neuen Jerusalem, sich sammeln und den Kampf der Stadt gegen die "Mächte des Bösen" unterstützen. Nach dem Sieg wird ein frommer König das Friedensreich 1000 Jahre regieren bis zur Wiederkunft Christi und dem Weltgericht. Hoffmann wurde 1533 in Straßburg verhaftet und starb 1543 im Kerker.
Niederländische Prädikanten brachten die Glaubensvorstellungen der Melchioriten 1533 nach Münster.

 

In Münster war in dem Jahr 1531/32 durch den Kaplan der Stiftskirche St. Mauritz Bernhard Rothmann eine starke lutherische Bewegung ausgelöst worden. Als der Bischof Friedrich von Wied ihn daraufhin aufgrund der kirchlichen Neuerungen aus dem Amte entließ, suchte Rothmann Zuflucht in Münster und konnte dort die Bürger zum Luthertum gewinnen. Daraufhin mußte der neu gewählte Bischof Graf Franz von Waldeck die Existenz der evangelischen Gemeinde in Münster anerkennen (Vertrag von Dülmen am 14.2.1533).

Die Verfolgung der Melchioriten in den Niederlanden vertrieb viele Bürger außer Landes. Vier niederländische Prädikanten, darunter der Schneider Johann Bockelson aus Leiden, suchten Zuflucht bei der Gemeinde Rothmanns. So nahmen sie Verbindung zu Rothmann und dem Kaufmann Bernd Knipperdolling auf.
In der Folgezeit wurden bereits die täuferischen Lehren in Münster spürbar. So wandte sich auch Rothmann den Melchioriten zu und ein Großteil der Gemeinde folgte ihm. Die Verfolgung der Täufer begann im September 1533, als der Bischof Franz von Waldeck in Dülmen eine Gruppe verdächtiger "Täufer" gefangen und hinrichten ließ. Rothmann sah darin einen Bruch des Dülmener Vertrages und leitete daher das Recht zum Wderstand ab.

 

Als sich die Prophezeihung Melchior Hoffmann im Jahre 1533 nicht erfüllte, übernahm der Bäcker Johann Matthys die Führung der Melchioriten in Amsterdam. Matthys erklärte, die Gläubiger sollten sich versammeln und mithelfen, die Welt vom Unglauben zu reinigen. In Kürze werde Gott seinem Volke einen anderen Platz zur Errichtung des "Neuen Jerusalem" anweisen. Matthys schickte Apostel in das Land hinaus und befahl ihnen, mit der Taufe zu beginnen.

Im Jahre 1534 kamen zwei der niederländische Sendboten in Münster an. Schon nach kurzer Zeit waren 1400 Menschen in Münster getauft. Der Rat der Stadt Münster folgte dem Befehl des Bischofs nicht, die Prädikanten als Aufrührer zu fangen und der Obrigkeit auszuliefern, da die Situation in der Stadt keineswegs bedrohlich war. Am 31.1.1534 erging ein Ratsbeschluss, i.d. die Bürger untereinander sich nicht mißtrauen sollten und jedem sein Glaube gelassen wurde. Somit waren die Täufer als religiöse Gruppe anerkannt und die günstige Situation in Münster ließ Matthys in Amsterdam zu der Erkenntnis gelangen, dass die Stadt Münster das verheißene "Neue Jerualem" sei. Die Prädikanten schrieben Einladungsbriefe an viele auswärtige Gemeinden, nach Münster zu kommen.

Gleichzeitig traf Bischof Franz die ersten Vorbereitungen zu kriegerischen Aktionen gegen die Stadt. In Münster mussten alle Männer und Frauen die Befestigungen verstärken, Brücken wurden abgebrochen und Wälle verstärkt. Am 24.2.1534 wurde der Rat der Stadt Münster neu gewählt und die Kaufleute Knipperdolling und Kibbenbrock zu Bürgermeistern gewählt. Auch traf nun Johann Matthys in Münster ein. Dieser forderte die Gemeinde auf, die "Gottlosen" zu vertreiben, damit die "Heilige Stadt" vom Unglauben frei sei. Bis zum Abend mussten alle, die den Empfang der Wiedertaufe verweigerten, die Stadt verlassen (ca. 2000).

 

 

Matthys prophezeite, dass Münster der Sammelplatz der Auserwählten sei, die hier das Strafgericht Gottes über die Ungläubigen überlebten und das Reich des 1000-jährigen Frieden vorbereitete. Christus würde die Herrschaft übernehmen bis zum jüngsten Tag. Matthys setzte sich eine Frist für seine Prophezeihung bis zum Osterfest. Als nichts geschah, verließ er die Stadt durch das Ludgeritor und starb unter den Spießen der Landsknechte.

Johann Bockelson übernahm die Führung der Gemeinde und konnte die Hoffnung auf Gottes Hilfe neu beleben. Bockelson erstellte einen neuen Organisationsplan für die Stadt und stellte an deren Spitze 12 Älteste. Die Todestrafe wurde angedroht für folgende Delikte:
Gotteslästerung, Ungehorsam, Ehebruch, Unzucht, Geiz, Raffgier, Diebstahl, Betrug, Verleumdung, Streit, Zank, Murren und Aufruhr

Mitte Juli führte Bockelson mit Hilfe seiner 12 Ältesten die Vielweiberei ein. Es spricht für die strenge Moral in Münster, dass die Änderung der Ehegesetze einen erheblichen Widerstand in der Gemeinde hervorrief. Es kam zum Aufstand, in dessen Verlauf 120 Bürger gefangen wurden, 47 von Ihnen wurden willkürlich totgeschlagen.

 

 

Bischof Franz hatte für die Belagerung Münsters zunächst nur landeseigene Kräfte eingesetzt. So befanden sich bis Ende Juni ca. 7000 Landsknechte in sieben Lagern vor Münster. Die Kosten für das Aufgebot waren sehr hoch, allein für die Söldner brauchte man jeden Monat 30.000 Gulden. Bischof Franz bemühte sich hartnäckig um die Hilfe der Nachbarfürsten und am 20.Juni 1534 beschlossen letztendlich die Fürsten von Köln und Kleve, dem Bischof 40.000 Gulden zu leihen.

Obwohl es nicht gelungen war, die Stadtgräben von Münster trocken zu legen, beschloss man den Angriff. Der Angriff schlug mit fast 3000 Toten fehl und auch aufgrund der schlechten Zahlungsmoral verließen viele Landsknechte die Lager von Münster.
Die glückliche Abwehr des Angriffs bestätigte die Zuversicht der Täufer, dass Münster unter Gottes Schutz stünde. Der Prädikant Dusentschuer erklärte, es sei Gottes Wille, dass der Prophet Johann als König über das Neue Israel und die ganze Welt herrsche. Er nahm den 12 Ältesten das Schwert als Symbol der Regierungsgewalt und überreichte es Bockelson.
Der König Bockelson verteilte die wichtigsten Aufgaben der Stadt an seine Getreuen. Knipperdolling wurde Statthalter und Stellvertreter des Königs, Rothmann erhielt als "Worthalter" das Amt des obersten Predigers, Hermann Tillbeck wurde Hofmeister, Heinrich Krechting Kanzler.

Da Bischof Franz bei den meisten Fürsten keine Unterstützung fand, wandte er sich an den Kaiser. Am 13.12.1534 beschlossen die Stände von drei Reichskreisen, die Kosten des Krieges gegen Münster für die Dauer von sechs Monaten zu tragen.

 

Im März 1535 schloss sich der Ring um Münster mit neuen Wällen und Gräben und die Stadt war von nun an von jeglicher Versorgung abgeschnitten. Die Folgen der Hungersnot zeigten sich bald. Bereits Ende April verließen alte Männer, Frauen und Kinder in Scharen die Stadt, um draußen vor den Stadttoren von den Söldnern erschlagen zu werden. Die Täufer lehnten jedoch jede Übergabe der Stadt ab, da sie wussten, dass sie als Ketzer keine Gnade erwarten konnten.
Im Mai flohen 5 Bürger aus der Stadt, u.a. der Schreiner Heinrich Gresbeck. Sie retteten ihr Leben, in dem sie den Belagerern ihre Hilfe zu einen Anschlag gegen die Stadt anboten. Gresbeck zeichnete die Festungswerke Münsters auf und baute in Wolbeck ein Erdmodell der Wälle und Gräben. Am 25. Juni schwamm er nachts über den Außengraben, zog eine Brücke nach und führte dann 16 Landsknechte zum Kreuztor, wo sie die Wachen überwältigten. Weitere 500 Landsknechte kletterten nach und leisteten sich einen erbitterten Kampf, bis sie im Morgengrauen das Jüdefelder Tor öffnen konnten und somit das Herr nachrücken konnte. Etwa 300 Täufer kämpften noch lange in der Wagenburg, bis sie schließlich festgenommen wurden. Unter ihnen befanden sich die führenden Täufer Bockelson, Knipperdolling, Bernd Krechting, Christian Kerckerinck und Gerlach von Wullen.
Nachdem Wullen begnadigt wurde und Kerckerinck bereits in Dülmen vor Gericht gestellt und enthauptet wurde, stellte der Bischof die restlichen drei Täufer öffenstlich zur Schau. Nachdem sie am 20. Januar die letzte Gelegenheit bekamen, ein gütliches Bekenntnis abzulegen und der Wiedertaufe abzuschwören, wurden sie am 22. Januar vor Gericht gestellt. Die Stadtrichter von Münster und Paderborn sprachen das übliche Urteil. Mit glühenden Zangen sollte man sie brennen und dann erdolchen. Ihre Körper sollten zur ewigen Abschreckung am Turm der Lambertikirche hängen.
Die Vollstreckung des Urteils auf dem Markt von Münster dauerte vier Stunden und die drei eisernen Käfige wurden hoch oben am Turm aufgehängt.

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